Experimente für Kinder: Warum sie so wertvoll sind
Was die Forschung über den Nutzen von naturwissenschaftlichen Experimenten für die kindliche Entwicklung sagt
Experimente für Kinder sind weit mehr als ein netter Zeitvertreib. Studien zeigen, dass naturwissenschaftliches Experimentieren die kognitive Entwicklung, die Sprachfähigkeit und das Selbstvertrauen von Kindern nachweislich fördert. In diesem Artikel erfahrt ihr, warum MINT Förderung schon im Kindergartenalter beginnen sollte und welche Vorteile das Experimentieren für eure Kinder hat.
Inhaltsverzeichnis
- 1 🔍 Warum Kinder geborene Forscher sind
- 2 🧠 Was Kinder durch Experimente lernen
- 3 🗣️ Experimente fördern Sprache und soziale Kompetenz
- 4 💪 Selbstwirksamkeit: Warum Erfolgserlebnisse beim Experimentieren zählen
- 5 🌍 MINT Förderung beginnt zu Hause
- 6 🔬 Was wirklich hilft: Gemeinsam entdecken und experimentieren
🔍 Warum Kinder geborene Forscher sind
Kinder kommen mit einer unbändigen Neugier auf die Welt. Schon Säuglinge erkunden ihre Umgebung mit allen Sinnen, greifen nach Gegenständen, beobachten Licht und Schatten, testen, was passiert, wenn sie etwas fallen lassen. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget beschrieb diese erste Lebensphase als sensomotorische Phase, in der Kinder durch aktives Tun lernen, sich in der Welt zurechtzufinden. Diese natürliche Forscherhaltung setzt sich über die gesamte Kindheit fort und erreicht laut Forschung im Alter zwischen vier und sieben Jahren einen Höhepunkt.
Prof. Dr. Gisela Lück, Professorin für Chemiedidaktik an der Universität Bielefeld, hat seit den 1990er Jahren über 5.000 Kindergartenkinder bei einfachen naturwissenschaftlichen Experimenten begleitet. Ihre Untersuchungen zeigen eindrucksvoll, wie stark das Interesse der Kinder an Naturphänomenen tatsächlich ist. [1]
In Gisela Lücks Studien fanden 70 Prozent der Kindergartenkinder naturwissenschaftliche Experimente spannender als attraktive Alternativangebote wie Schwimmen oder freies Spielen. Noch ein halbes Jahr später konnten sich über 50 Prozent der Kinder detailgenau an die Versuche erinnern. [1]
Besonders bemerkenswert: Lücks Forschung belegt, dass Mädchen und Jungen gleichermaßen großes Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen zeigen. Auch Kinder mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen begeisterten sich für Experimente und führten diese mit Ausdauer und Freude durch. [1] Das widerlegt die verbreitete Annahme, dass naturwissenschaftliche Bildung nur für bestimmte Kinder geeignet sei. Im Gegenteil: Kinder aller sozialer Schichten profitieren von experimentellen Lernangeboten.
- Naturwissenschaften im frühen Kindesalter (Lück, G., 2000)
🧠 Was Kinder durch Experimente lernen
Wenn Kinder experimentieren, passiert weit mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Sie beobachten, stellen Vermutungen auf, testen diese und ziehen Schlussfolgerungen. Dieser Prozess, den Fachleute als forschendes Lernen bezeichnen, trainiert gleich mehrere kognitive Fähigkeiten gleichzeitig: logisches Denken, Problemlösekompetenz, Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen.
Forschendes Lernen (auch: Inquiry-based Learning) beschreibt einen pädagogischen Ansatz, bei dem Kinder durch eigenes Experimentieren, Beobachten und Sammeln von Informationen die Prinzipien eines Themas selbst entdecken. Dabei agieren sie wie kleine Wissenschaftler: Sie stellen Fragen, entwickeln Ideen, testen diese und werten ihre Beobachtungen aus.
Eine umfassende Meta-Analyse der Universität Radboud (Niederlande) hat die Ergebnisse von 72 Einzelstudien zum forschenden Lernen zusammengefasst. Das Ergebnis: Angeleitetes forschendes Lernen zeigt deutlich positive Effekte auf die Lernaktivitäten der Kinder, auf ihren Erfolg bei der Informationsgewinnung und auf die tatsächlichen Lernergebnisse. [2] Entscheidend ist dabei, dass die Kinder nicht einfach sich selbst überlassen werden, sondern eine angemessene Begleitung durch Erwachsene erhalten.
Forschendes Lernen kann effektiver sein als andere, eher erklärende Unterrichtsformen, solange die Lernenden angemessen begleitet werden.
Für den Alltag mit Kindern bedeutet das: Experimente für Kinder sollten so gestaltet sein, dass die Kleinen selbst aktiv werden und Erwachsene begleitend Fragen stellen, Beobachtungen anregen und gemeinsam nach Erklärungen suchen. So profitieren Kinder am meisten von naturwissenschaftlichen Aktivitäten.
- Meta-Analysis of Inquiry-Based Learning: Effects of Guidance (Lazonder, A. W. & Harmsen, R., 2016)
🗣️ Experimente fördern Sprache und soziale Kompetenz
Ein Vorteil des Experimentierens, der viele Eltern überrascht: Naturwissenschaftliche Bildungsangebote fördern nachweislich die sprachliche Entwicklung von Kindern. Das belegt die Studie EASI Science-L (Early Steps Into Science and Literacy), die zwischen 2013 und 2017 insgesamt 58 Kindertagesstätten mit 222 Kindern im Durchschnittsalter von fünfeinhalb Jahren untersuchte. [4]
Die Ergebnisse sind eindeutig: Pädagogische Fachkräfte, die an naturwissenschaftlichen Fortbildungen teilgenommen hatten, gestalteten sprachlich deutlich anregendere Lernsituationen. Die Kinder in diesen Gruppen zeigten messbar bessere bildungssprachliche Fähigkeiten als Kinder in Vergleichsgruppen. [4]
Tipp: Auch zu Hause könnt ihr die sprachliche Wirkung von Experimenten nutzen. Bittet euer Kind, vor dem Versuch eine Vermutung zu formulieren: „Was glaubst du, was passiert?" Nach dem Experiment beschreibt ihr gemeinsam, was passiert ist. Allein das Aufzählen der benötigten Materialien erweitert den Wortschatz spielerisch.
Der Grund für diesen Effekt liegt auf der Hand: Beim Experimentieren beschreiben Kinder, was sie sehen, formulieren Vermutungen, tauschen sich mit anderen Kindern und Erwachsenen aus und lernen neue Begriffe kennen. Das Experimentieren bietet dadurch zahlreiche natürliche Sprechanlässe, die in anderen Spielsituationen so nicht entstehen.
- EASI Science-L: Early Steps Into Science and Literacy (Rank, A., Wildemann, A., Hartinger, A. & Pauen, S., 2013-2017)
💪 Selbstwirksamkeit: Warum Erfolgserlebnisse beim Experimentieren zählen
Wenn ein Kind einen Vulkan aus Backpulver und Essig zum Ausbruch bringt oder beobachtet, wie sich Farben im Wasser von allein vermischen, erlebt es etwas Entscheidendes: Ich kann etwas bewirken. Dieses Gefühl nennt die Psychologie Selbstwirksamkeit. Der Psychologe Albert Bandura beschrieb Selbstwirksamkeit als die Überzeugung, aufgrund eigener Fähigkeiten gewünschte Handlungen erfolgreich ausführen zu können. Diese Überzeugung wird vor allem durch eigene Bewältigungserfahrungen aufgebaut: Wer erlebt, dass das eigene Handeln zum Erfolg führt, traut sich beim nächsten Mal mehr zu. [5]
Genau hier setzen Experimente für Kinder an. Jedes gelungene Experiment ist ein kleines Erfolgserlebnis. Die EASI Science Studie (2013 bis 2017), die 358 pädagogische Fachkräfte und 282 Kinder an 102 Einrichtungen in ganz Deutschland untersuchte, bestätigt: Naturwissenschaftliche Bildungsangebote erhöhen messbar die Lernfreude, das Interesse an Naturwissenschaften und das Selbstvertrauen der Kinder in ihr eigenes Können. [3]
Für den Familienalltag ist das eine wichtige Erkenntnis. Kinder, die regelmäßig experimentieren, entwickeln nicht nur ein Verständnis für naturwissenschaftliche Zusammenhänge. Sie lernen auch, Herausforderungen selbstbewusst anzugehen, Fehler als Teil des Lernprozesses zu akzeptieren und an eigene Fähigkeiten zu glauben.
- Selbstwirksamkeitserwartung (basierend auf Bandura, A.: Self-Efficacy: The Exercise of Control, 1997) (Bandura, A., 1997)
- EASI Science: Wirkungen früher naturwissenschaftlicher Bildungsangebote (Steffensky, M. et al., 2013-2017)
🌍 MINT Förderung beginnt zu Hause
Naturwissenschaftliche Bildung findet nicht nur in der Kita oder Schule statt. Eltern spielen eine zentrale Rolle dabei, den Forschergeist ihrer Kinder zu fördern. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Stiftung Kinder forschen betont, dass die alltägliche Begegnung mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) Zukunftskompetenzen fördert: eine fragend forschende Haltung, kritisches und kreatives Denken, die Fähigkeit zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. [6]
- Fördert logisches Denken und Problemlösung
- Stärkt Sprachentwicklung und Wortschatz
- Baut Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit auf
- Weckt langfristiges Interesse an Naturwissenschaften
- Funktioniert mit einfachen Alltagsmaterialien
- Experimente sollten altersgerecht sein
- Ohne Begleitung kann Frustration entstehen
- Versuche nicht länger als 15 bis 20 Minuten planen
- Sicherheitshinweise beachten
- Kein Leistungsdruck, Spaß steht im Vordergrund
Das Beste daran: Ihr braucht kein Labor und keine teure Ausrüstung. Die meisten Experimente für Kinder lassen sich mit Materialien durchführen, die in jedem Haushalt vorhanden sind. Ein Glas Wasser, etwas Spülmittel, Backpulver, Lebensmittelfarbe oder eine Kerze reichen oft völlig aus, um faszinierende Naturphänomene sichtbar zu machen. Entscheidend ist nicht das Material, sondern die gemeinsame Entdeckungsfreude.
- Stiftung Kinder forschen: Frühe MINT-Bildung (BMBF / Stiftung Kinder forschen, 2024)
🔬 Was wirklich hilft: Gemeinsam entdecken und experimentieren
Die Forschungslage ist eindeutig: Kinder profitieren enorm davon, wenn sie naturwissenschaftliche Phänomene selbst erleben, statt nur darüber zu hören oder zuzuschauen. Angeleitetes forschendes Lernen, bei dem Kinder aktiv Hypothesen aufstellen, eigenhändig experimentieren und gemeinsam mit Erwachsenen Beobachtungen auswerten, zeigt in der Meta-Analyse von Lazonder und Harmsen positive Effekte auf Lernergebnisse (Effektstärke d = 0,50) und auf den Erfolg bei der eigenständigen Durchführung (d = 0,71). [2]
Gerade im Alter zwischen drei und acht Jahren sind Kinder besonders empfänglich für solche Erfahrungen. Sie bringen die nötige Neugier und Offenheit von Natur aus mit. Was sie brauchen, sind Gelegenheiten: einfache Versuche mit Alltagsmaterialien, die sie selbst durchführen können, begleitet von einem Erwachsenen, der Fragen stellt und zum Weiterdenken anregt. Ob ein Ei in Salzwasser schwimmt, warum sich Öl und Wasser nicht vermischen oder wie aus Rotkohlsaft ein Farbindikator wird, solche hands-on Erfahrungen verankern sich tief im Gedächtnis und legen den Grundstein für lebenslanges Lernen und eine positive Haltung gegenüber Naturwissenschaften.
- Meta-Analysis of Inquiry-Based Learning: Effects of Guidance (Lazonder, A. W. & Harmsen, R., 2016)
- Naturwissenschaften im frühen Kindesalter (Lück, G., 2000)
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❓ Häufige Fragen
Experimente für Kinder fördern gleichzeitig mehrere Entwicklungsbereiche: logisches Denken, Sprachfähigkeit, Feinmotorik und Selbstvertrauen. Studien belegen, dass Kinder, die früh experimentieren, eine höhere Lernfreude und ein stärkeres Interesse an Naturwissenschaften entwickeln. Die EASI Science Studie (2013 bis 2017) konnte diese positiven Effekte an über 280 Kindern in ganz Deutschland nachweisen.
Schon ab etwa drei Jahren sind einfache Experimente mit Wasser, Farben oder Sand möglich. Im Alter zwischen vier und sieben Jahren zeigen Kinder laut Forschung ein besonders starkes Interesse an Naturphänomenen. Wichtig ist, die Versuche altersgerecht zu gestalten und die Dauer auf maximal 15 bis 20 Minuten zu begrenzen, damit Konzentration und Begeisterung erhalten bleiben.
Begleitet euer Kind aktiv, statt nur zuzuschauen. Stellt offene Fragen wie „Was glaubst du, was passiert?" oder „Warum ist das wohl so?" Lasst euer Kind so viel wie möglich selbst machen und feiert auch kleine Erfolge. Die Forschung zeigt, dass angeleitetes Experimentieren mit Fragen und Impulsen die besten Lernergebnisse bringt.
Ja, das ist wissenschaftlich belegt. Die EASI Science-L Studie (2013 bis 2017) mit 222 Kindern zeigte, dass naturwissenschaftliche Bildungsangebote sich positiv auf die sprachlichen Fähigkeiten von Vorschulkindern auswirken. Beim Experimentieren beschreiben Kinder Beobachtungen, formulieren Vermutungen und lernen neue Begriffe, was den Wortschatz spielerisch erweitert.
Nein, das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Gisela Lück zeigen deutlich, dass Kinder aller sozialer Schichten und Bildungshintergründe gleichermaßen von experimentellen Lernangeboten profitieren. Sogar Kinder mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen zeigten großes Engagement und Ausdauer beim Experimentieren.
📚 Quellenverzeichnis
- Lück, G. (2000): "Naturwissenschaften im frühen Kindesalter. Untersuchungen zur Primärbegegnung von Vorschulkindern mit Phänomenen der unbelebten Natur." Habilitation, Universität Bielefeld. In: Naturwissenschaften und Technik, Didaktik im Gespräch, Bd. 33, Münster: LIT. https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/chemie/ag/dc1-schwedler/mitarbeiter-1/NWKind.pdf (Abgerufen am: 20.02.2026)
- Lazonder, A. W. & Harmsen, R. (2016): "Meta-Analysis of Inquiry-Based Learning: Effects of Guidance." Review of Educational Research, 86(3), 681-718. https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.3102/0034654315627366 (Abgerufen am: 20.02.2026)
- Steffensky, M., Anders, Y., Hardy, I. & Leuchter, M. (2017): "EASI Science: Wirkungen früher naturwissenschaftlicher Bildungsangebote auf naturwissenschaftsbezogene Kompetenzen von Fachkräften und Kindern." Studie, IPN Kiel / Stiftung Kinder forschen. Stichprobe: 358 Fachkräfte, 282 Kinder, 102 Einrichtungen. https://www.stiftung-kinder-forschen.de/de/wissenschaftliche-begleitung/externe-studien/abgeschlossene-studien/studienprojekt-easi-science/ (Abgerufen am: 20.02.2026)
- Rank, A., Wildemann, A., Hartinger, A. & Pauen, S. (2017): "EASI Science-L: Early Steps Into Science and Literacy. Naturwissenschaftliche Bildung in der Kita: Gestaltung von Lehr-Lernsituationen, sprachliche Anregungsqualität und sprachliche sowie naturwissenschaftliche Fähigkeiten der Kinder." Studie, Universität Regensburg / Stiftung Kinder forschen. Stichprobe: 58 Kitas, 222 Kinder. https://www.stiftung-kinder-forschen.de/de/wissenschaftliche-begleitung/externe-studien/abgeschlossene-studien/studienprojekt-easi-science-l/ (Abgerufen am: 20.02.2026)
- Bandura, A. (1997): "Self-Efficacy: The Exercise of Control." Freeman, New York. https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwirksamkeitserwartung (Abgerufen am: 20.02.2026)
- Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) / Stiftung Kinder forschen (2024): "Stiftung Kinder forschen: Frühe MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung." https://www.bmftr.bund.de/DE/Forschung/AkademischeLaufbahn/Fachkraeftesicherung/MINT/StiftungKinderForschen/stiftungkinderforschen_node.html (Abgerufen am: 20.02.2026)
Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2026
